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Brahma – Der Schöpfergott des Hinduismus

  • Autorenbild: Bettina Koch
    Bettina Koch
  • 19. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

Brahma, der Schöpfer des Universums, ist eine der bedeutendsten Gottheiten im Hinduismus. Als Teil der sogenannten Trimurti (Dreieinigkeit), die aus Brahma, Vishnu und Shiva besteht, verkörpert er die Schöpfung, während Vishnu für die Erhaltung und Shiva für die Zerstörung und Transformation steht. Obwohl Brahma in vielen Geschichten, Texten und Tempeln des Hinduismus vorkommt, ist er im Vergleich zu anderen Göttern wie Vishnu und Shiva in der heutigen Praxis weniger prominent vertreten. Dennoch ist seine Rolle als Ursprung allen Seins und als Sinnbild des schöpferischen Prinzips von großer Bedeutung.


Grafik von Brahma
Brahma ist der Schöpfer des Universums. © Grafik: tada | iStock

Ursprünge und Bedeutung von Brahma im Hinduismus


Brahma ist der Schöpfergott im Hinduismus und gilt als der Vater aller Wesen und der Begründer des Universums. Die ältesten Hinweise auf Brahma finden sich in den Veden, insbesondere im Rigveda, wo er als abstraktes, allumfassendes Prinzip des Universums beschrieben wird, bekannt als "Brahman" – das absolute, unveränderliche Sein.


Brahman als kosmische Kraft und Brahma als personifizierter Schöpfergott sind eng verbunden, aber auch zu unterscheiden. Während Brahman das universelle, unpersönliche Prinzip ist, wird Brahma als individuelle Gottheit dargestellt, die mit einem spezifischen Schöpfungsakt verbunden ist.


In späteren hinduistischen Texten, insbesondere in den Puranas, wird Brahma ausführlicher beschrieben. Hier erscheint er als Teil der Trimurti, wobei er die Schöpfungskraft repräsentiert. Seine Rolle ist es, die Welt zu erschaffen und den Zyklus von Geburt und Wiedergeburt in Gang zu setzen.


Darstellung und Symbolik von Brahma


Brahma wird in der Ikonografie meist mit vier Köpfen dargestellt, die in alle vier Himmelsrichtungen blicken. Diese vier Köpfe symbolisieren:


  • Die vier Veden (Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda) – die ältesten heiligen Schriften des Hinduismus.

  • Die vier Yugas (Zeitzyklen) des Universums: Satya Yuga, Treta Yuga, Dvapara Yuga und Kali Yuga.

  • Die vier Kasten oder sozialen Ordnungen: Brahmanen (Priester), Kshatriyas (Krieger), Vaishyas (Händler) und Shudras (Diener).

Die vier Gesichter symbolisieren auch die Allwissenheit Brahmas, da er in alle Richtungen schauen und so das gesamte Wissen des Universums erfassen kann.


Zusätzlich besitzt Brahma vier Arme, in denen er verschiedene symbolische Objekte hält:


  • Wasserkrug (Kamandalu): Dieser steht für die Ursprünge des Lebens und die Reinheit, aus der die Schöpfung hervorgeht.

  • Buch oder Schriftrolle: Symbolisiert Wissen und Weisheit, da Brahma als Hüter des Wissens gilt.

  • Rosenkranz (Akshamala): Dieser steht für die Zeit und erinnert daran, dass Brahma der Erschaffer des kosmischen Zeitzyklus ist.

  • Lotosblume (Padma): Der Lotos ist ein Symbol für Reinheit, Göttlichkeit und das Erwachen des Universums aus dem Urzustand.


Sein Reittier, die heilige Gans oder Gans Hamsa, ist ebenfalls bedeutsam. Die Hamsa symbolisiert Unterscheidungsfähigkeit, da sie angeblich in der Lage ist, Milch von Wasser zu trennen – ein Hinweis auf die spirituelle Weisheit, die in der Lage ist, Wahrheit von Illusion zu unterscheiden.


Brahma-Statue
Brahma-Statue © Foto: prwstd | Getty Images via Canva Pro

Legenden und Mythen rund um Brahma


Die Geschichten über Brahma sind reich an Symbolik und spiegeln tiefe philosophische Prinzipien des Hinduismus wider. Hier sind einige der bekanntesten Mythen über Brahma:


Die Geburt Brahmas


Ein besonders bekannter Mythos besagt, dass Brahma aus einem goldenen Ei entstand, das über Millionen von Jahren im Urmeer schwamm. Das Ei wird in manchen Überlieferungen auch als „Hiranyagarbha“, der goldene Schoß, bezeichnet und symbolisiert das kosmische Ei, aus dem das Universum hervorgeht.


In anderen Erzählungen wird Brahma als aus dem Nabel des schlafenden Gottes Vishnu geboren beschrieben. Während Vishnu in tiefer Meditation ruht, sprießt ein Lotus aus seinem Nabel, und aus diesem Lotus erhebt sich Brahma – ein Bild, das oft in hinduistischen Darstellungen zu sehen ist. Diese Symbolik des Lotus steht für Reinheit und göttliche Schöpfung und weist Brahma als Manifestation des kreativen Willens der höchsten Realität aus.


Brahma und Saraswati


Brahma wird oft mit der Göttin Saraswati in Verbindung gebracht, die die Verkörperung von Wissen, Musik und Weisheit ist. Saraswati wird nicht nur als seine Gefährtin gesehen, sondern auch als essenzieller Aspekt seines Wesens, ohne den die Schöpfung nicht vollständig wäre. In einigen Mythen wird beschrieben, dass Brahma Saraswati erschuf und dass er von ihrer Schönheit so fasziniert war, dass er vier Gesichter entwickelte, um sie stets betrachten zu können.


Ihre Beziehung steht sinnbildlich für die Bedeutung von Bildung und Wissen als Eckpfeiler einer geordneten, harmonischen Welt. Saraswati selbst wird in vielen Tempeln verehrt und ist bei Hindus von großem kulturellem und spirituellem Wert.


Die Entstehung des Ganges


In einer weiteren bekannten Geschichte wird beschrieben, dass Brahma den heiligen Fluss Ganges erschuf, um das Universum zu reinigen. Es heißt, dass er Wasser aus seinem Kamandalu auf die Erde fallen ließ, was zur Entstehung des heiligen Flusses führte. Der Ganges gilt seitdem als reinigend und als Weg, das Göttliche zu berühren.


Der Fluch von Brahma


Ein bemerkenswertes Phänomen im Hinduismus ist die eher geringe Verehrung Brahmas im Vergleich zu Vishnu und Shiva. Eine beliebte Legende erklärt dies folgendermaßen: Eines Tages geriet Brahma in einen Streit mit Shiva und Vishnu darüber, wer von ihnen der Mächtigste sei. Um ihre Macht zu testen, erschien eine riesige Lichtsäule, und beide wurden aufgefordert, die Enden der Säule zu erreichen. Brahma behauptete, er hätte das Ende erreicht, obwohl er dies nicht wirklich konnte, und versuchte Shiva zu täuschen. Daraufhin verfluchte Shiva ihn und verbannte ihn aus der aktiven Verehrung.


Diese Geschichte und ähnliche Erzählungen sollen auf die Idee hinweisen, dass das Universum zwar eine Schöpfung braucht, jedoch die Schöpfung an sich eine flüchtige Illusion ist. Im Hinduismus steht Brahma auch für das menschliche Ego, das als Illusion verstanden wird und losgelassen werden soll, um Moksha (Befreiung) zu erlangen.


Brahma-Statue im Wat Saman Ratanaram Tempel in Thailand
Brahma-Statue im Wat Saman Ratanaram Tempel in Thailand. © Foto: Tumteerasak | Getty Images via Canva

Der Mythos um Brahmas fünften Kopf


Ein weiterer interessanter Aspekt von Brahmas Darstellung ist der Mythos seines fünften Kopfes. Ursprünglich soll Brahma fünf Köpfe gehabt haben, doch Shiva schnitt ihm einen Kopf ab. Der Legende nach hatte Brahma einen Kopf nach oben gerichtet, mit dem er auf Shiva herabsah. Shiva, in einem Moment des Zorns, nahm dies als Respektlosigkeit und entfernte den fünften Kopf.


Diese Geschichte wird oft als Symbol für die Bedeutung der Harmonie und des Respekts zwischen den Mitgliedern der Trimurti interpretiert. Sie zeigt auch Shivas Rolle als Gott der Disziplin und Kontrolle.


Brahmas Rolle im Kosmos und im Zyklus der Schöpfung


Im Hinduismus wird das Universum als zyklisch betrachtet – es durchläuft Phasen von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung, die jeweils von Brahma, Vishnu und Shiva repräsentiert werden. Dieser Zyklus ist in vier große Weltzeitalter (Yugas) unterteilt, die sich endlos wiederholen.


Am Anfang jedes neuen Zyklus erschafft Brahma die Welt aufs Neue. Doch Brahma selbst ist nicht unsterblich; er lebt für die Dauer eines kosmischen Tages und einer kosmischen Nacht, die zusammen "Brahmas Tag" genannt werden und etwa 8,64 Milliarden menschliche Jahre umfassen. Danach "stirbt" auch Brahma und wird in einem neuen Zyklus wiedergeboren.


Tempel und heutige Verehrung Brahmas


Obwohl Brahma kaum Tempel hat, gibt es einen berühmten Schrein in Pushkar, Rajasthan. Der Brahma-Tempel in Pushkar ist einer der wenigen weltweit und zieht viele Pilger und Gläubige an. Pushkar selbst ist eine bedeutende Pilgerstadt und beherbergt einen der heiligsten Seen Indiens, den Pushkar-See, wo jährlich das Pushkar-Fest stattfindet. Der Tempel hat eine interessante Architektur und ist von Hunderten kleinerer Schreine umgeben.


Laut einer weiteren Legende wollte Brahma an diesem Ort ein großes Ritual durchführen, aber seine Frau Saraswati erschien zu spät. Um das Ritual rechtzeitig durchzuführen, nahm er eine andere Göttin als Ehefrau. Saraswati, die verärgert über diese Entscheidung war, verfluchte Brahma daraufhin, dass er nur in Pushkar verehrt werden könne. Dieser Tempel gilt daher als heiliger Zufluchtsort für Brahma-Anhänger.


Der geringe Kultstatus Brahmas wird häufig auf die oben erwähnte Legende von Shivas Fluch zurückgeführt. Im täglichen religiösen Leben der Hindus hat Brahma nicht dieselbe Präsenz wie Vishnu, Shiva, Devi oder andere Gottheiten. Dennoch spielt er in den vedischen und philosophischen Texten eine essenzielle Rolle und bleibt als Symbol für die Schöpfungskraft des Universums relevant.


Brahma-Tempel in Pushkar
Brahma-Tempel in Pushkar © Foto: Alexander Schimmeck | Unsplash

Die philosophische Bedeutung von Brahma und seine Relevanz heute


Die Figur des Brahma wird oft als Symbol für das Prinzip der Schöpfung und des Anfangs betrachtet. Er steht für den Ursprung allen Seins und die Quelle allen Wissens. In der hinduistischen Philosophie verkörpert Brahma den ewigen Anfang, aus dem alles andere hervorgeht. Obwohl er im alltäglichen religiösen Leben weniger verehrt wird, bleibt er ein wichtiges Symbol für das kreative und schöpferische Potenzial im Universum und im Menschen selbst.


Seine Symbolik und seine Geschichten erinnern daran, dass das Universum und alles Leben darin eine ewige Schöpfung ist, die aus dem Urprinzip des Brahman hervorgeht. Brahma als Gestalt der Schöpfung und als Archetyp des Wissens inspiriert bis heute Künstler, Denker und Philosophen weltweit.


Fazit: Brahma – Ein Gott jenseits des Kultes


Brahma ist eine faszinierende und vielschichtige Gottheit des Hinduismus, die als Schöpfergott nicht nur das Universum formt, sondern auch tiefe philosophische Konzepte verkörpert. Seine Rolle in der Trimurti und seine Darstellung als viergesichtiger Gott mit heiligen Symbolen machen ihn zu einem zentralen Bestandteil der hinduistischen Mythologie und Philosophie. Auch wenn Brahma in der modernen Praxis weniger verehrt wird, bleibt seine Bedeutung als Schöpfer und Ursprung des Wissens ein inspirierendes und kraftvolles Symbol für die Menschheit.

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