Januar: Klarheit und Neuausrichtung
- Bettina Koch

- 11. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Jan.
Der Januar fühlt sich an wie ein tiefer Atemzug nach einer langen Reise. Die Festtage liegen hinter uns, der Trubel ist verklungen, und plötzlich ist da wieder Raum. Raum für Stille, für Reflexion, für ehrliche Fragen an uns selbst. Wer bin ich gerade? Was darf bleiben? Und was möchte ich im neuen Jahr bewusst neu ausrichten?

Im Yoga nennen wir diese innere Ausrichtung Sankalpa – einen Herzenswunsch, der nicht aus dem Ego entsteht, sondern aus einer tiefen inneren Klarheit heraus. Der Januar lädt uns wie kaum ein anderer Monat dazu ein, genau hier anzusetzen. Nicht laut, nicht hektisch, sondern ruhig, gesammelt und mit Fokus.
In diesem Beitrag nehmen wir den Januar aus verschiedenen Perspektiven in den Blick: seine Herkunft und Symbolik, Natur und Jahresrhythmus, besondere Tage, ayurvedische Ernährung, Yogaphilosophie, Chakrenarbeit, Asana, Pranayama, Meditation und persönliche Gedanken zum Neubeginn. Alles greift ineinander, denn Gesundheit, Lebensstil und innere Ausrichtung lassen sich nicht trennen.
Die Herkunft des Monats Januar – Schwelle zwischen Alt und Neu
Der Name Januar geht auf den römischen Gott Janus zurück. Janus ist der Gott der Türen, Tore und Übergänge. Er wird mit zwei Gesichtern dargestellt: eines blickt zurück, eines nach vorn. Allein diese Symbolik beschreibt den Januar treffend. Wir stehen an einer Schwelle. Das Vergangene ist noch spürbar, das Neue noch nicht ganz greifbar.
Im alten Rom begann mit dem Januar das Verwaltungsjahr. Entscheidungen wurden getroffen, Pläne geschmiedet, neue Wege vorbereitet. Diese Qualität ist bis heute spürbar. Der Januar verlangt nicht nach Aktionismus, sondern nach bewusster Ausrichtung. Erst schauen, dann handeln.
Auch astrologisch steht der Januar größtenteils im Zeichen des Steinbocks, einem Erdzeichen, das für Struktur, Verantwortung und langfristige Ziele steht. Es geht weniger um schnelle Erfolge, sondern um tragfähige Fundamente. Genau hier knüpft die Arbeit mit einem Sankalpa an.
Was den Januar besonders macht – Tage, Rituale und leise Übergänge
Der Januar wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Keine großen Feste, wenig Farbe, kurze Tage. Und doch ist er reich an stillen Markierungen, die uns helfen können, innezuhalten.
Zu den besonderen Tagen im Januar zählen unter anderem:
Neujahr (1. Januar) als kollektiver Neubeginn, oft laut gefeiert, innerlich aber ein Moment der Leere
Heilige Drei Könige (6. Januar), traditionell ein Abschluss der Rauhnächte und ein Übergang zurück in den Alltag
Vollmond im Januar, der häufig als besonders klar und kühl empfunden wird
Blue Monday, ein moderner Begriff, der auf emotionale Tiefpunkte im Winter hinweist und uns daran erinnert, Selbstfürsorge ernst zu nehmen
In vielen alten Kulturen galt der Januar als Zeit der inneren Einkehr. Die Rauhnächte, die bis in den Januar hineinreichen, wurden genutzt, um Visionen zu empfangen, Träume zu deuten und sich mit dem Unbewussten zu verbinden. Diese Qualität können wir auch heute noch bewusst nutzen, selbst wenn unser Alltag anders aussieht.
Natur im Januar – Rückzug, Schutz und verborgene Kraft
Die Natur ist im Januar nicht tot. Sie ruht. Unter der Erde sammeln Pflanzen Kraft, Bäume ziehen ihre Energie in die Wurzeln zurück, Tiere leben von Vorräten oder halten Winterruhe. Nichts drängt nach außen.
Typisch für die Flora im Januar sind kahle Äste, Moose, Flechten und immergrüne Pflanzen wie Tanne, Kiefer oder Efeu. Sie erinnern uns daran, dass Beständigkeit nicht laut sein muss. Auch im Rückzug liegt Stärke.
In der Tierwelt zeigt sich der Januar als Zeit des Energiesparens. Igel schlafen, Rehe bewegen sich langsam, Vögel kommen näher an menschliche Siedlungen, um Nahrung zu finden. Alles folgt dem Prinzip der Effizienz.
Für uns bedeutet das: Weniger ist mehr. Der Januar ist kein Monat für radikale Umwälzungen, sondern für kluge, nachhaltige Entscheidungen. Wer jetzt achtsam mit seiner Energie umgeht, legt den Grundstein für das gesamte Jahr.
Ayurveda im Januar – Wärme, Erdung und Aufbau
Aus ayurvedischer Sicht dominiert im Winter das Vata-Dosha. Kälte, Trockenheit, Wind und Unruhe können sich körperlich wie mental bemerkbar machen. Gleichzeitig beginnt langsam auch Kapha zuzunehmen, was sich als Schwere oder Trägheit zeigen kann.
Die ayurvedische Ernährung im Januar sollte daher wärmend, nährend und gut verdaulich sein. Gekochte Speisen sind rohen vorzuziehen. Gewürze spielen im Ayurveda eine zentrale Rolle.
Besonders empfehlenswert sind:
Wurzelgemüse wie Karotten, Pastinaken, Rote Bete
Warme Getreidegerichte, zum Beispiel Hafer oder Hirse
Hülsenfrüchte in kleinen Mengen, gut gewürzt
Ghee, Sesamöl und hochwertige Pflanzenöle
Gewürze wie Ingwer, Zimt, Kreuzkümmel, Kurkuma, Fenchel
Ein klassisches ayurvedisches Frühstück im Januar ist ein warmer Haferbrei mit gedünstetem Apfel, Zimt, etwas Ghee und einem Hauch Kardamom. Es nährt, erdet und gibt langanhaltende Energie.
Auch Suppen und Eintöpfe eignen sich hervorragend. Eine rote Linsensuppe mit Wurzelgemüse und wärmenden Gewürzen stärkt das Verdauungsfeuer, ohne zu belasten.
Wichtig ist außerdem regelmäßiges Essen und feste Routinen. Der Januar liebt Struktur.
Sankalpa – der Herzenswunsch als innerer Kompass
Im Yoga ist ein Sankalpa weit mehr als ein guter Vorsatz. Während Vorsätze oft aus einem Mangelgefühl entstehen – ich sollte, ich müsste, ich sollte besser werden – kommt ein Sankalpa aus der Tiefe des Herzens.
Ein Sankalpa ist positiv formuliert, klar und zeitlos. Es beschreibt keinen äußeren Erfolg, sondern einen inneren Zustand. Zum Beispiel:
„Ich begegne mir selbst mit Mitgefühl.“
„Ich vertraue meiner inneren Weisheit.“
„Ich lebe aus meiner inneren Ruhe heraus.“
Der Januar ist der ideale Monat, um ein solches Sankalpa zu formulieren. Die Energie ist ruhig, der Geist empfänglich, die Ablenkung geringer als in anderen Monaten.
Ein klarer Gedanke ist wie ein Same. Er trägt bereits die Kraft der Verwirklichung in sich. – Swami Sivananda
Ein Sankalpa begleitet uns durch das Jahr, nicht als Druck, sondern als Erinnerung. Es darf sich verändern, vertiefen oder still im Hintergrund wirken.
Chakren und Januar – Verbindung zum Wurzelchakra
Energetisch ist der Januar eng mit dem Muladhara-Chakra, dem Wurzelchakra, verbunden. Dieses Chakra steht für Sicherheit, Vertrauen, Erdung und Stabilität. Themen, die im Januar besonders präsent sind.
Wenn das Wurzelchakra in Balance ist, fühlen wir uns getragen vom Leben. Wir haben Vertrauen in unseren Weg, auch wenn noch nicht alles sichtbar ist. Ist es aus dem Gleichgewicht, zeigen sich Ängste, Unsicherheit oder das Gefühl, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben.
Praktiken im Januar sollten daher erdend wirken. Langsame Bewegungen, bewusste Atmung und ein klarer Fokus helfen, das Wurzelchakra zu stabilisieren.
Auch Rituale wie Barfußgehen auf natürlichem Untergrund, das Tragen von warmen, schweren Stoffen oder das Arbeiten mit Düften wie Zedernholz oder Vetiver können unterstützend wirken.
Asana für den Januar – stabil, ruhig, kraftvoll
Die Yogapraxis im Januar darf entschleunigt sein. Statt dynamischer Flows stehen Haltungen im Vordergrund, die Stabilität und Präsenz fördern. Es geht weniger um Flexibilität, mehr um Verwurzelung.
Besonders passend sind:
Tadasana (Berghaltung) als Basis für Aufrichtung und innere Klarheit
Virabhadrasana I und II (Kriegerhaltungen) für Standfestigkeit und Fokus
Malasana (Yogahocke) zur Erdung und Aktivierung des unteren Energiezentrums
Uttanasana (Vorbeuge im Stand) für Innenschau und Loslassen
Balasana (Kindhaltung) als Rückzugsort
Halte die Asanas etwas länger, spüre bewusst die Füße, die Beine, den Kontakt zum Boden. Lass die Atmung ruhig fließen. Der Januar braucht keine Eile.
Pranayama – Atem als Anker im Winter
Der Atem ist im Januar ein wertvolles Werkzeug, um Wärme zu erzeugen und den Geist zu klären. Gleichzeitig sollten Atemübungen nicht zu stark aktivierend sein.
Geeignet sind:
Nadi Shodhana (Wechselatmung) für Ausgleich und mentale Klarheit
Dirgha Pranayama (vollständige Yogaatmung) zur Vertiefung der Atemwahrnehmung
Sanftes Ujjayi, um innere Wärme aufzubauen
Intensive Atemtechniken wie Kapalabhati können punktuell sinnvoll sein, sollten aber achtsam eingesetzt werden, besonders bei Vata-Dominanz.
Ein ruhiger, bewusster Atem unterstützt die Visionsarbeit und hilft, bei sich zu bleiben.
Meditation im Januar – Raum für innere Bilder
Meditation im Januar darf still und offen sein. Es geht weniger darum, etwas zu erreichen, sondern darum, zuzuhören. Besonders geeignet sind geführte Visualisierungen oder stille Sitzmeditationen mit Fokus auf das Sankalpa.
Eine einfache Praxis: Setze dich bequem hin, schließe die Augen, spüre den Atem. Stelle dir vor, du stehst an einer Schwelle. Hinter dir liegt das alte Jahr, vor dir ein offener Raum. Frage dich: Was möchte durch mich in diesem Jahr gelebt werden?
Achtsamkeit ist das Wunder, durch das wir uns selbst berühren und das Leben tief erfahren. – Thich Nhat Hanh
Diese Tiefe ist im Januar besonders zugänglich.
Persönliche Gedanken – warum ich den Januar schätze
Früher habe ich den Januar als zäh empfunden. Zu dunkel, zu kalt, zu wenig Motivation. Heute sehe ich ihn als kostbaren Zwischenraum. Einen Monat, der nichts von mir fordert, außer ehrlich zu sein.
Ich nutze den Januar, um langsamer zu werden, weniger Termine zu planen, meine Praxis zu vertiefen und mir Zeit für meine inneren Fragen zu nehmen. Mein Sankalpa entsteht oft nicht an einem bestimmten Tag, sondern schält sich langsam heraus, wie eine leise Gewissheit.
Der Januar hat mir beigebracht, dass Klarheit nicht laut ist. Sie kommt, wenn wir still genug werden, um sie zu hören.
Fazit – der Januar als Einladung zur bewussten Ausrichtung
Der Januar ist kein Monat der lauten Vorsätze oder schnellen Veränderungen. Er ist eine Schwelle. Eine Zeit, in der wir zurückblicken dürfen, ohne festzuhalten, und nach vorn schauen können, ohne alles schon wissen zu müssen. In seiner Stille liegt eine besondere Klarheit, die uns hilft, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden.
Wer den Januar nutzt, um langsamer zu werden, sich zu erden und ein Sankalpa aus dem Herzen heraus zu formulieren, schenkt sich selbst einen inneren Kompass für das kommende Jahr. Yoga, Atem, Meditation und eine wärmende, nährende Lebensweise unterstützen diesen Prozess auf sanfte Weise. Nicht als Optimierungsprogramm, sondern als liebevolle Begleitung.
Der Januar erinnert uns daran, dass Wachstum Zeit braucht. Dass nicht alles sofort sichtbar sein muss. Und dass innere Ausrichtung oft wirksamer ist als jede äußere To-do-Liste.
Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen. – Rainer Maria Rilke
Wenn wir dem neuen Jahr mit dieser Haltung begegnen, entsteht Klarheit ganz von selbst. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Und getragen von der Gewissheit, dass alles Wesentliche bereits in uns angelegt ist.





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